Husten, Schnupfen, Halsschmerzen. Die Symptome einer COVID-19-Erkrankung ähneln häufig denen einer Grippe. Obwohl eine Corona-Infektion für die meisten Menschen nach einigen Wochen überstanden ist, klagen einige Patienten selbst nach milden Verläufen auch Wochen und Monate später über anhaltende Symptome.
Sind die Beschwerden drei Monate nach der Infektion noch präsent und halten für mindestens zwei Monate an, spricht man vom Post-COVID-Syndrom (PCS). Laut der WHO (2023) liegt der Anteil derer, die nach einer Corona-Infektion vom PCS betroffen sind, bei zehn bis 20 Prozent.
Zu den Spätfolgen werden mehr als 200 Krankheitssymptome gezählt, zu dessen häufigsten die Fatigue gehört (Gheorghita et al., 2024). Die genauen Ursachen der relativ neuen Erkrankung konnten bisher noch nicht geklärt werden. Daher fokussieren sich Behandlungsansätze aktuell vor allem auf das Symptommanagement.
Lange Fehlzeiten als Folge
Die anhaltenden Beschwerden führen zu einer Vielzahl an Fehlzeiten. Im Zeitraum März 2020 bis Dezember 2023 wurden alleine 36,5 Prozent (ca. 2,6 Millionen) aller bei der AOK versicherten Beschäftigten mit einer akuten COVID-19-Erkrankung arbeitsunfähig geschrieben.
Einigen dieser akuten Fälle wurde im Verlauf zusätzlich wegen Long- bzw. Post-COVID eine Arbeitsunfähigkeit attestiert, teilweise sogar mehrfach. Daraus entstehen lange Fehlzeiten. Allein im Jahr 2023 ergaben sich für einen verhältnismäßig großen Anteil der AOK-Versicherten Ausfallzeiten aufgrund von Spätfolgen einer COVID-19-Infektion von mehr als 42 Tagen.
Diese Fehlzeiten betreffen nicht selten sensible Berufsgruppen wie Gesundheits- und Krankenpflege (Schenkel, Krist, Meyer & Baumgardt, 2024, S. 423–425).
Fatigue als Hauptsymptom
Die Betroffenen leiden häufig unter einer anhaltenden Erschöpfung (Fatigue), die auch durch Erholung und Schlaf nicht reduziert wird. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität, da viele Menschen mit PCS durch ihre Fatigue bei der Ausübung alltäglicher Aktivitäten stark eingeschränkt sind.
Zudem kann körperliche und geistige Überforderung bei einigen Betroffenen zu einer Verschlechterung der Symptomatik führen. Den Forschern der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) war es in ihrer Studie daher besonders wichtig, durch individualisierte und symptomorientierte Belastung eine regelmäßige Durchführung des Trainings zu ermöglichen.
Neue Studienergebnisse wecken Hoffnung
„Es gab vor unserer Studie schon erste Daten, die auf die Effektivität der Sport- und Bewegungstherapie bei PCS hingewiesen haben. Allerdings gab es noch keine Evidenz zur konkreten Trainingsgestaltung und zur Frage, wie ein symptomorientiertes Training bei PCS-Fatigue sicher und effektiv durchgeführt wird“, sagt Andreas Barz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der DHfPG und einer der Autoren der Studie.
Die randomisiert-kontrollierte Studie, die in Kooperation zwischen der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und Medizinern des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) durchgeführt wurde, liefert nun erste Ergebnisse mit praxisrelevanten Empfehlungen.
Methodik der Studie
Um möglichst vielen Betroffenen die Teilnahme zu ermöglichen und auch eine hohe Generalisierbarkeit der Ergebnisse zu erzielen, entschieden sich die Wissenschaftler bewusst gegen die Durchführung im Labor und ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stattdessen in ausgewählten Fitness- und Gesundheitseinrichtungen im Saarland trainieren.
Die 19 teilnehmenden Einrichtungen wurden vorab geschult und führten die Datenerhebung und Trainingsintervention nach standardisierten Vorgaben durch.
Teilnehmen konnten Betroffene mit Post-COVID-Fatigue zwischen 18 und 79 Jahren. Interessenten wurden durch die saarländischen Hausärzte sowie öffentliche Medien über die Studie informiert und konnten sich auf einer eigens eingerichteten Website registrieren.
Dieses Vorgehen ermöglichte den Verantwortlichen die einfache Zuteilung der Probanden zu einer Einrichtung in Wohnortsnähe. Durch eine ärztliche Voruntersuchung wurden mögliche gesundheitliche Kontraindikationen ausgeschlossen.
Zudem wurden Personen mit schweren Funktionseinschränkungen von der Studienteilnahme ausgeschlossen. Vor und nach der Trainingsintervention wurden unter anderem die Fatigue, die gesundheitsbezogene Lebensqualität sowie die Handgriffkraft und Ausdauer ermittelt.
Individualisiertes und symptomorientiertes Fitnesstraining
Nachdem die ersten Trainingseinheiten gemeinsam mit qualifizierten Trainerinnen und Trainern durchgeführt wurden, konnten die Teilnehmenden während der achtwöchigen Intervention ihre Trainingsbelastung jeweils an die tagesaktuelle Fatigue anpassen.
Hierfür wurde vor jedem Training die Fatigue auf einer Skala zwischen null (keine Fatigue) und zehn (stärkste vorstellbare Müdigkeit) abgefragt. Anhand des tagesaktuellen Wertes wurde die Trainingsempfehlung vor jeder Trainingseinheit angepasst (vgl. Tabelle 1).
Die Teilnehmer trainierten an zwei bis drei Tagen pro Woche und führten ein kombiniertes Kraft- und Ausdauertraining durch. Das Krafttraining wurde als Ganzkörpertraining an Maschinen, wie Beinpresse und Latzug, durchgeführt; für das Ausdauertraining konnten die Teilnehmenden frei zwischen den verfügbaren Ergometern auswählen.
Die Belastungsintensitäten wurden mittels des subjektiven Anstrengungsempfindens (RPE) auf der zehnstufigen OMNI-Skala vorgegeben. Aufgrund der Fatiguesymptomatik legten die Studienleiter zudem besonderen Wert darauf, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Training bei Bedarf noch weiter modifizieren konnten und der Fokus in der langfristigen Durchführung vor allem auf der Regelmäßigkeit und nicht der Progression der Belastungsparameter lag.
Positive Trainingseffekte auf Fatigue, Lebensqualität und Leistungsfähigkeit
Dr. Joshua Berger, Mitarbeiter der DHfPG und Co-Autor der Studie, fasst die Ergebnisse zusammen:
„Im Vergleich zur Kontrollgruppe konnten wir bei der Trainingsgruppe signifikante Verbesserungen der Fatigue, der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sowie der körperlichen Leistungsfähigkeit feststellen. Zudem fanden wir keine Anzeichen dafür, dass es aufgrund des Trainings zu einer anhaltenden Zustandsverschlechterung kam.“
Dies sind relevante Erkenntnisse, die die Bedeutung eines individualisierten Trainings in der Krankheitsbewältigung des PCS zeigen. Laut den Autoren geben die gewonnen Erkenntnisse Sport- und Bewegungstherapeuten klare Handlungsempfehlungen für die Betreuung von Personen mit PCS.
Fitnessstudios und Trainerteam als zentrale Akteure
„Unsere Ergebnisse unterstreichen die wichtige Bedeutung der individualisierten Trainingsbetreuung und -steuerung bei chronischer Fatigue. Damit dies auch in der Praxis umgesetzt werden kann, braucht es vor allem qualifizierte Fachkräfte, die das Krankheitsbild kennen und in der Lage sind, Betroffene individuell zu betreuen“, so Andreas Barz.
In der Studie wurde dies gewährleistet, indem alle Trainerinnen und Trainer Studierende oder Absolventen eines bewegungsbezogenen Studiums waren und vorab umfassend geschult worden waren.
Um die Betreuungssituation der Betroffenen weiter zu verbessern, werden die Erkenntnisse zum PCS laut den Wissenschaftlern in Zukunft auch in das Studium der Sport- und Bewegungstherapie an der DHfPG integriert. Zudem werden die Studienergebnisse auch auf Kongressen und Fachtagungen präsentiert, um ihre Reichweite noch weiter zu erhöhen.
Neben ihrer Bedeutung für die Fachwelt sind die Studienergebnisse auch ein Zeugnis für die hohe Dienstleistungsqualität und Professionalisierung der Fitness- und Gesundheitsbranche in Deutschland.
Laut den „Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft 2024“ (DSSV, 2024) positionieren sich 43 Prozent der Anlagen im Bereich Gesundheit. Dass Fitnesstraining neben präventiven Effekten auch therapeutische Wirkungen entfalten kann, lässt sich an dem Beispiel der Studienergebnisse festmachen.
Knapp fünf Jahre nach den ersten pandemiebedingten Studioschließungen werfen diese Erkenntnisse ein neues Licht auf die Bedeutung der Fitness- und Gesundheitsbranche im Kontext der öffentlichen Gesundheit. Kommerzielle Fitness- und Gesundheitsanlagen bieten ein flächendeckendes Netzwerk an Einrichtungen mit hochqualifiziertem Personal, das in der Lage ist, Trainingsprogramme nach wissenschaftlichen Kriterien zu realisieren.
Lesetipp: Die Studie „Effects of a symptom-titrated exercise program on fatigue and quality of life in people with post-COVID condition – a randomized controlled trial” von Barz et al. (2024) inklusive aller gemessenen Parameter und Ergebnisse steht hier zum Download bereit.
Fazit
Die Ergebnisse unterstreichen die symptomlindernde Wirkung, die ein individualisiertes Fitnesstraining bei PCS erzielen kann. Die Studie zeigt auch, dass evidenzbasierte Trainingsprogramme in Fitness- und Gesundheitseinrichtungen nach hohen Qualitätsstandards realisiert werden.
Auszug aus der Literaturliste
Barz, A., Berger, J., Speicher, M., Morsch, A., Wanjek, M., Rissland, J. et al. (2024). Effects of a symptom-titrated exercise program on fatigue and quality of life in people with post-COVID condition – a randomized controlled trial. Scientific Reports, 14, 30511.
Gheorghita, R., Soldanescu, I., Lobiuc, A., Caliman Sturdza, O. A., Filip, R., Constantinescu-Bercu, A. et al. (2024). The knowns and unknowns of long COVID-19: from mechanisms to therapeutical approaches. Frontiers in Immunology, 15, 1344086.
World Health Organization. (2023). Coronavirus disease (COVID-19): Post COVID-19 condition. Verfügbar unter https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/coronavirus-disease-(covid-19)-post-covid-19-condition
Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte literatur@fitnessmanagement.de.
Diesen Artikel kannst du folgendermaßen zitieren:
Dittmer, A. (2025). Fitnesstraining bei Post-Covid. fitness MANAGEMENT international, 2 (178), 44-46.